Sticker-Geschichten · Teil 1 · 1940s – 1970s

Wie sahen Memes vor dem Internet aus?

Lange bevor das Wort online ging, verbreiteten sich ein Kritzelbild mit großer Nase und ein fotokopierter Witz schon genau so wie Memes.

Das Kritzelbild „Kilroy was here“ — ein kahler Kopf mit Punktaugen und einer langen Nase, die über eine Backsteinmauer hängt, die Finger an der Kante — mit dem Spruch in Kreide an der Wand.

Das Wort Meme ist erst rund fünfzig Jahre alt — die vorige Geschichte dieser Reihe führte es auf ein Buch über Gene von 1976 zurück. Aber das, was das Wort beschreibt, ist viel älter. Lange bevor jemand ein Foto mit einer Bildunterschrift versah, wurden Witze und Zeichnungen schon von Person zu Person kopiert, unterwegs ein wenig verändert und weitergegeben, solange die Leute sie lustig fanden. Man braucht nur einen Kopierer, und der Kopierer muss kein Computer sein. Es kann eine Wand sein, eine Schreibmaschine oder die Maschine am Ende des Bürokorridors.

Hier sind drei Memes aus dem Zeitalter von Kreide und Papier.

Der Soldat, der überall war

Wenn du je ein kahlköpfiges Männchen mit Punktaugen und einer langen Nase gesehen hast, die über eine Mauer hängt, während die Finger die Kante umklammern, dann bist du Kilroy begegnet. Im Zweiten Weltkrieg kritzelten amerikanische Soldaten die Zeichnung und die Worte „Kilroy was here“ („Kilroy war hier“) überallhin, wo sie hinkamen. Der halbe Witz war, wo es auftauchte: an Stränden, bevor die Truppen landeten, in versiegelten Schiffsabteilen, an Orten, die niemand hätte erreichen können.

Woher es stammt, ist wirklich umstritten — manche Berichte datieren den Spruch schon auf die späten 1930er, und keiner lässt sich ganz belegen. Die am häufigsten wiederholte Erklärung gehört James J. Kilroy, einem Werftinspektor in der Fore River Shipyard in Quincy, Massachusetts. Die Nieter dort wurden pro Niete bezahlt, und der Kreidestrich eines Inspektors ließ sich wegwischen, damit eine Charge doppelt gezählt wurde; um das zu verhindern, markierte Kilroy Geprüftes mit „Kilroy was here“ in schwer abwischbarer Wachskreide. Das Innere der Kriegsschiffe zu streichen hatte in der Eile des Stapellaufs keine Priorität, also gingen seine Markierungen vor Tausenden Soldaten mit auf große Fahrt. 1946 veranstaltete die American Transit Association einen Wettbewerb, um das Rätsel zu lösen; über vierzig Männer beanspruchten den Namen, und für James Kilroy konnte die Werft bürgen. Das Oxford English Dictionary wiederum nennt Kilroy schlicht „den Namen einer erfundenen Person“.

Drei Sticker-Karten, jede mit derselben spähenden Zeichnung über einer farbigen Mauer, aber mit einem anderen Spruch: „Kilroy was here“, „Wot, no sugar?“ und „Foo was here“, durch Pfeile verbunden.

Eine Zeichnung, verschiedene Worte. Amerikanische Truppen schrieben „Kilroy was here“; in Großbritannien war dasselbe Gesicht Mr Chad, der „Wot, no sugar?“ („Wie, kein Zucker?“) maulte; die Australier hatten „Foo was here“. Kopiert, verändert, weitergegeben — ein Meme ohne Bildschirm.

Dasselbe Gesicht, hundert Bildunterschriften

Zeichnung und Spruch reisten nicht immer zusammen. In Großbritannien hieß dasselbe spähende Gesicht Mr Chad, und statt eines Namens beklagte er die Rationierung: „Wot, no sugar?“, „Wot, no bread?“, „Wot, no tea?“ — was diese Woche gerade knapp war. Chad wurde vielleicht schon 1938 von einem britischen Cartoonisten gezeichnet; das Magazin Life berichtete 1946, dass RAF und Heer ihn jeweils für sich beanspruchten, sich aber einig waren, dass er um 1944 erstmals auftauchte. Australien wiederum hatte Foo („Foo was here“), das manche bis in den Ersten Weltkrieg zurückverfolgen — auch wenn das eine der wackligeren Behauptungen ist.

Irgendwann im Krieg verschmolzen die britische Zeichnung und der amerikanische Spruch einfach, das Gesicht über den Worten. Und die Figur sammelte beim Weiterwandern immer neue Namen ein — Smoe, Clem, Private Snoops und später Overby in Los Angeles. Genau das Dreierschema aus der vorigen Geschichte: Es wurde kopiert (von Soldat zu Soldat, von Wand zu Wand), die Kopien veränderten sich (neue Worte, neue Namen), und die einprägsamsten Versionen setzten sich durch, während der Rest vergessen wurde. Niemand plante das. Es verhielt sich wie ein Meme, weil eine gute Zeichnung genau das tut, wenn viele Leute sie weitergeben.

Witze, die auf Papier reisten

Wände waren nicht das einzige Netz. Lange vor „Leite dies an zehn Freunde weiter“ gab es Kettenbriefe — Zettel, die Glück oder Geld versprachen, wenn man sie abschrieb und an andere schickte. 1935 fegte ein Geld-Kettenbrief namens „Send-a-Dime“ über die USA und begrub die Postämter zeitweise unter Bergen von Briefen. Die Anweisung ganz unten war der ganze Trick: Mach Kopien und gib es weiter.

Dann bekamen Büros Fotokopierer, und eine neue Art von Folklore entstand: Cartoons, gefälschte Memos und alberne Listen, die von Schreibtisch zu Schreibtisch und von Gebäude zu Gebäude wanderten. Volkskundler gaben ihr einen Namen — Xeroxlore, geprägt 1974 von Michael J. Preston, auch Photocopylore genannt. Zwei von ihnen, Alan Dundes und Carl Pagter, sammelten eine ganze Kollektion in einem Buch von 1975 mit sehr bürohaftem Titel, Work Hard and You Shall Be Rewarded. Das verräterische Zeichen war der Verfall: Jede Kopie einer Kopie kam etwas verwaschener heraus als die vorige. Und weil ein Kopierer leicht zu missbrauchen ist, taten die Leute genau das — einen Namen weißen und den eines Kollegen eintippen, die Pointe austauschen, den Witz lokal machen, bevor sie ihn wieder verschickten.

Vier fotokopierte Blätter in einer Reihe, durch Pfeile verbunden. Jedes trägt dasselbe lächelnde Gesicht und Textzeilen, kommt aber blasser heraus als das vorige; auf dem letzten hat jemand einen Schnurrbart und eine Kritzelei ergänzt.

Ein Witz, von Kopie zu Kopie fotokopiert: mit jedem Durchgang blasser, bis weiter hinten ein gelangweilter Büromensch einen Schnurrbart hinzufügt. Der Verlauf ist die Papierversion eines tausendmal neu gespeicherten JPEGs.

Waren das also Memes?

Nach der Definition aus der vorigen Geschichte — kopiert, unterwegs verändert und nur so lange am Leben, wie die Leute es weitergeben — ja, alle drei qualifizieren sich. Kilroy, Mr Chad und Foo waren eine Zeichnung, die zwischen Armeen und Ländern mutierte. Kettenbriefe waren Anweisungen, die sich selbst kopierten. Xeroxlore waren Reaktionsbilder mit eingetippter Reaktion, verbreitet über die eine Maschine, die jedes Büro hatte. Keines davon brauchte das Internet.

Das Internet hat das Meme also nicht erfunden. Wände, Briefe und Kopierer kopierten, verzerrten und verbreiteten Witze schon seit Jahrzehnten. Was das Internet hinzufügte, war ein schnellerer Kopierer — und bald ein Tastaturtrick, der Satzzeichen in ein Gesicht verwandelte.

Als Nächstes in dieser Reihe: wer das erste :-) tippte und wie ein seitliches Lächeln zu einem eigenen Meme wurde.

Quellen

  1. Wikipedia (Englisch) — Kilroy was here
  2. Wikipedia (Englisch) — Faxlore (Xeroxlore / Photocopylore)
  3. Wikipedia (Englisch) — Chain letter
  4. Alan Dundes & Carl R. Pagter, Work Hard and You Shall Be Rewarded, American Folklore Society, 1975
  5. Michael J. Preston, „Xerox-lore“, Keystone Folklore, 1974
  6. „Wot! Chad’s Here“, Life-Magazin, 18. März 1946